daria-russia - @ myblog.de
1. Todesangst, Thai-Airways und Tom Hanks

Es hätte ganz anders laufen sollen….

als der Tag begann, war der lange Weg in das ferne Russland bis auf das Kleinste geplant. Koffer packen, mit der Bahn Richtung Frankfurt Airport fahren, ins Flugzeug steigen, in Moscow umsteigen, nach Ekaterinburg fliegen und von dort aus mit dem Auto nach Chelyabinsk. Doch das Schicksal meinte es anders mit mir.

Den ersten Strich durch meine Rechnung machte der Koffer, der unverschämt schwer wurde und  mir das ständige Umsteigen zwischen den Bahnen nach Frankfurt fast unmöglich machte. Und als ob das nicht genug wäre, besaßen sowohl die Rolltreppe in Mannheim Hbf, als auch der versiffte Aufzug in Frankfurt Niederrad die Frechheit außer Betrieb zu sein.

Dank zahlreicher freundlicher Helfer des männlichen Geschlechts kam ich - vollkommen erschöpft - in Frankfurt Airport an und musste feststellen, dass meine Reiseagentur, weder Flugnummer, noch Terminal und Gate auf meinem Ticket angegeben hat. In Tränen aufgelöst lief ich kreuz und quer durch den Flughafen und versetzte schon die restlichen Fluggäste in Angst und Schrecken, als endlich ein netter Info-Stand-Mann mich an der Hand packte und zu dem richtigen Schalter zerrte. Die Reiseagentur werde ich bei meiner Rückkehr auf Schmerzensgeld verklagen.

Nach einigen Stunden Flug und mehreren Reisetabletten kam ich in Moscow an, am Airport Domodedovo, das mit seinen Restaurantketten, Boutiquen und sogar einem Miniaturkino selbst den penibelsten europäischen Ansprüchen genügen würde. Doch auch hier war ich nicht willkommen … nachdem ich mich am Check-In-Schalter gegen eine Menschenmasse russischer, gegen alles abgehärteter Einheimischer bewährt habe, musste ich erfahren, dass der Flug sich auf unbestimmte Zeit verspätet.
An dieser Stelle ein Paar interessante Fakten über die Transaero Airline: sie zählt neben Aeroflot zu den größten, ist aber vor allem die älteste Airline Russlands und berühmt für ihre Zuverlässigkeit. (Sicher. Die Deutsche Bahn ja auch.)

So sitze ich nach stundenlangem Warten hier am Flughafen - am verhungern und verdurtsten, da ich noch keine russsichen Rubel habe, um etwas kaufen zu können – und denke darüber nach, wie ich in Frankfurt an den Check-In-Schaltern von Thai-Airways vorbeilief und für einen Moment den Wunsch verspürte mich dort anzustellen. Jetzt frage ich mich, warum ich das nicht getan habe. Nun bleibt mir nur noch die Hoffnung, dass Transaero Mitleid mit mir bekommt, sobald ich gezwungen bin – wie eins Tom Hanks in „Terminal“ – am Airport Domodedovo um Essen zu betteln und mich auf der Toilette zu waschen….

3.7.09 15:33


2. Kulturschock Heimat

Russland – mein Heimatland; Chelyabinsk – die Stadt meiner Kindheit. Jedes mal wenn ich aus dem Flugzeug steige, scheint alles vollkommen vertaut, nostalgische Gefühle überkommen mich an jeder Straßenecke und alte eingestaubte Erinnerungen werden wach. Die Menschen, die Straßen, die Häuser, all das scheint noch immer irgendwie zu mir zu gehören. Doch egal wie gut ich meine Heimat zu kennen glaube, sitzt der Kulturschock über das „neue“ Russland mit jedem Besuch umso tiefer. Es ist ein Russland absoluter Kontraste.

Nach meiner insgesamt 20-stündigen Reise kam ich am Sonntag um 5 Uhr morgens Ortszeit endlich in Ekaterinburg an, wo mich mein Vater erwartete. Das Wetter im Ural begrüßte mich mit Temperaturen von unter 10°C, einem Orkanwind und unerbittlich strömendem Regen, ganz anders als die letzten zwei Hitzewellen-Wochen hier in Chelyabinsk. Mein Vater merke nur seelenruhig an, dass das Uralwetter vor allem für seine Launenhaftigkeit bekannt sei.

In seinem nagelneuen Suzuki fuhren wir über eine Autobahn, die mit ihrem spiegelglatten, frisch gelegten Asphalt die Autos beinahe über sich dahinschweben ließ. An ebensolchen Straßen des Stadtzentrums vorbei, änderte sich, als wir in den peripheren Stadtbezirken von Chelyabinsk ankamen, die Straßenbeschaffenheit schlag(loch)artig. Autos fuhren über 10m-breite Straßen auf ca. 4-5 Streifen in jede Richtung ohne jegliche Streifenmarkierungen und auf Asphalt, der mehr Schlagloch, als Straße war.

 An dem Wohnblock angekommen, in dem sich die ungenutzte Zweitwohnung meines Vaters und meine jetzige Bleibe befand, zuckte ich voll Unbehagen zusammen, als ich die alten, schon längst baufälligen, noch in der Kommunismus-Zeit entstandenen Gebäude dieser Gegend sah. Vor lauter Autoabgase der letzten Jahrzehnte waren sie grau angelaufen, der Außenbelag blätterte ab und die Balkone sahen aus, als ob sie keine Taube mehr tragen könnten. Ich dachte nur noch an die nagelneuen, großflächig verglasten, nach europäischem Design und Standard errichteten Wolkenkratzer des Stadtzentrums, an denen wir vorbeigefahren sind. Eins davon stand direkt mir und der alten Ruine von Haus gegenüber.

 An dem stechenden, suspekten Geruch des Hausflurs, den aufgequollenen, zertrümmerten Briefkästen und einer knirschenden, quitschenden, fast unbeleuchteten Kammer als Aufzug hatte sich nichts verändert. Erst in der Wohnung konnte ich wieder ausatmen. Warum ich hier und nicht in der schicken Erstwohnung meines Vaters inmitten des Stadtzentrums wohne? Hier bin ich zuhause, so komisch es auch klingt.

 Das Besondere an diesem Land ist die Kälte seiner berüchtigten Wintermonate. Eine Tatsache, die den Menschen rund um das Jahr das Leben erschwert. Denn aufgrund von Wasserrohrüberholungen, die nach solchen Minustemperaturen fällig sind, wird alljährlich in ganz Russland für einen Monat das warme Wasser abgestellt. Gerade ist so ein Monat.

 Doch in Anbetracht der Lebenserhaltungskosten hier, ist es wahrscheinlich auch gut so. Diese sind in den letzten Jahren um etwa 300% gestiegen. Einfache Butter kostet umgerechnet 2 Euro, während die staatliche Rente 90 Euro im Monat beträgt. Doch auch das Einkommen der Bevölkerung scheint in diesem Land einem absoluten Dualismus verfallen zu sein. Menschen, die in Versace, Gucci und Ed Hardy an bettelnden Kindern, Alten und Krüppeln vorbeilaufen – ein Bild, das einem an jeder Straßenecke begegnet.

Ich frage mich nur zu welcher der beiden Seiten wohl ich gehört hätte, wenn ich dieses Land nicht vor zehn Jahren hinter mir gelassen hätte…

3.7.09 20:31


3. Russian Standard

Schon im November hatte ich die Zusage für das Praktikum, das ich heute anfangen sollte. Was für ein Glück, dachte ich noch damals.
Als ich dann gestern bei meinem lieben Bekannten anrief, bei dem ich nun sechs Wochen lang „praktizieren“ würde, teilte mir dieser mit, dass aufgrund der transnationalen Wirtschaftskrise seine Firma vor einigen Tagen Insolvenz angemeldet hätte.  Ich solle mir aber keine Sorgen machen, da er sich – so loyal wie er ist – schon darum kümmern würde… Und tatsächlich, zwei Stunden später stand ich, in meiner Bewerbungsgespräch-Ausrüstung, mit ihm im Office des Corporate Directors von TNT Russia, eines Fernsehsenders der mit dem deutschen VOX zu vergleichen wäre. Und genau 11 Stunden später stand ich nochmal vor dem Büro, um heute nun endlich meinen ersten Praktikumstag anzutreten. Der Tag bestand aus Tonnen von Infomaterial über den Sender und seine PR-Strategien, nach welcher Lektüre ich beschloss, dass die europäischen Rundfunkanstalten viel zu verwöhnt sind.

Mein verantwortungsbewusster Bekannter – so loyal wie er ist – dachte wohl, dass er noch nicht genug getan hat und holte mich direkt vom Studio ab, um mir ein wenig das „neue“ Chelyabinsk zu zeigen. Welche Art von Sightseeing in einer Millionenstadt mit einer Fläche von 486 km/2 hättet ihr nach dieser Einladung erwartet? Ich dachte da an einen kurzen Spaziergang in der Fußgängerzone und danach das gemütliche Anschauen von Chelyabinsk aus dem Fenster eines Autos. Leider hatte mein Bekannter da eine andere Vorstellung: eine „Lass-uns-zu-Fuß-14-Kilometer-durch-die-Stadt-laufen“-Vorstellung. Wir brachen also bei 12-Grad Außentemperatur, Orkanböen und ich in Officemontur (Anzughose, schneeweißer Bluse und 10cm-Absätzen) auf, um zunächst auf dem roten Platz seine Freundin zu treffen.

Und wieder musste ich an meinem Urteilsvermögen zweifeln. Während ich ein freundliches und herzliches russisches Mädchen erwartete, entpuppte sich seine Freundin als ein 1,80-großes, übergeschminktes, rosa Schuhe tragendes, zu hell blondiertes Möchtegern-Modell, dass mich genau eines einzigen Blickes würdigte, um ein „Haaaii“ zu hauchen. In der restlichen Zeit beschäftigte sie sich mit ihrem Paris-Hilton-Rosa-Glitzerhandy, dass ein piepsendes „I Love You“ als SMS-Signal von sich gab.

 Mein Bekannter machte sich währenddessen daran für ihn wichtige Infos über Deutschalnd aus mir zu quetschen, ob denn die Deutschen wirklich so viel Bier trinken, ob sie wirklich jeden Tag Hackbraten essen würden…  Zwischendurch machte er mich auf die neuesten Sehenswürdigkeiten der Stadt aufmerksam, die es schon seit mindestens 7 Jahren gibt und welche ich natürlich bei allen meinen vorherigen Besuchen ein Dutzend Mal gesehen habe.
Nach einem dreistündigen Fußmarsch in dieser Atmosphäre, als ich merkte, dass meine Füße meine neuen Echtleder-Schuhe vollbluteten, als mein Geduldsfaden nur noch hauch-dünn war und als mein lieber Guide uns anbot in dem letzten verbliebenen Stückchen Wald in Chelyabinsk über einen Haufen Tannenzapfen spazieren zu gehen, täuschte ich einen Anruf meines Vaters vor und behauptete ganz dringend nach Hause zu müssen. Aber auch hier zeigte sich die russische Loyalität wieder, denn natürlich musste ich erst zur Haltestelle begleitet werden. Und als wir dort endlich ankamen, teilte mein Bekannter mir mit, dass die richtigen Busse erst von der nächsten Haltestelle fahren würden, bis zu der man noch 500m laufen müsse.

Mein Fazit des Tages? Russen sind ein sehr zuvorkommendes, verantwortungsvolles, loyales und hilfsbereites Volk….. leider.

3.7.09 18:47


4. Und endlich Arbeit!

Bis hierhin war es ein langer Weg: eine Praktikumszusage im November, eine rückwirkende Absage im April, eine neu-überlegte Zusage im Juni, eine globale Wirtschaftskrise… Doch hier steh ich nun endlich, vor dem Gebäude meines neuen Praktikumsplatzes – dem TNT-Studio. Heute fängt mein Arbeitsleben in Russland an, an dem ersten richtigen Praktikumstag.

Das Studio befindet sich in einem Gebäude, das sich zusätzlich eine weitere Fernsehanstalt und die drei größten Radiosender von Chelyabinsk teilen. Da, wie ich vermute,  der Sicherheitsposten befürchtete, dass ich im falschen Studio landen und in einer Live-Sendung in ganz Russland ausgestrahlt werden könnte, brachte er mich zu der richtigen Tür mit einem riesigen, leuchtenden TNT-Logo darüber. Mir wurde sofort ein Schreibtisch neben Elena, der Leiterin dieser Abteilung, zugewiesen, was den Vorteil mit sich brachte, dass jeder Besucher mich für besonders wichtig hielt und so besonders höflich zu mir war.

Nach einer Kennenlernrunde war es endlich soweit… ich bekam meine erste Aufgabe! So sehr ich mich darauf freute, umso bitterer hätte ich in Tränen ausbrechen können, als ich erfuhr, worum es sich handelte: Ich sollte bitte einen Pressespiegel erstellen (der passende  zweimeter-hoher Stapel Zeitungen lag auch schon auf meinem Tisch). Nur wenige wissen, welche Freude mir diese Aufgabe bereitet.

Dafür gestaltete sich der restliche Arbeitstag umso angenehmer. Nach der Mittagspause wurde ich in das Firmenauto gesetzt und von einem Chauffeur durch sämtliche Kinos der Stadt kutschiert. In jedem Kino durfte ich mein TNT-Ausweis vorzeigen und mit einer bedeutungsschweren Stimme behaupten, ich wäre hier um die Werbefilme unseres Senders zu überprüfen. Der tiefere Sinn dieser Arbeit bestand darin, dass die starke Konkurrenz auf dem Zuschauermarkt und zahlreiche andere ökonomische Faktoren in Russland die Rundfunkanstalten zu einer starken Eigenwerbung zwingen. Diese verwirklicht TNT unter anderem in Werbeblöcken bei Filmvorführungen, welche ich auf ihre Qualität und den richtigen Abspielzeitpunkt „kontrollieren“ sollte. In Klartext heißt es: ich hab den ganzen Tag Filme im Kino geguckt.

Das Highlight des Tages bot mir aber die Heimfahrt in einer „Marschrutka“. Es ist die Art eines Fahrzeuges, die es wohl in jedem Land der Welt in irgendeiner Form gibt: in Thailand sind es Sontheos, in Senegal die Car-Rapides und in Kenia (aus einer glaubwürdigen Quelle) die Matatus. Es ist ein Gefährt, dass mehr klappert als fährt. Marschrutkas sind eine Art Taxis, in denen die Menschen, gequetscht wie Sardinen sich durch die ganze Stadt fortbewegen und ums Überleben beten. Schon beim Einsteigen in diesen Minibus und dem Anblick der zertrümmerten Inneneinrichtung und der angerissenen Sitze, möchte man am liebsten wieder raus. Doch ich setzte mich rein und zunächst schien alles gut zu gehen, solange ich nicht auf den zwischen meinen Beinen rollenden Ersatzreifen und das Loch im Boden achtete. Bis ich bei der ersten Vollbremsung merkte, dass mein Sitz unter mir wegrutschte. Er war nur „draufgestellt“ und damit nicht der einzige hier im Bus. Dafür war aber das Fahrzeug mit einem Flatscreen ausgestattet, das andauernd MTV-Videos abspielte.

Paradox, wie alles hier.

4.7.09 21:13


5. Fünf Dinge, die meinen Alltag hier zur Hölle machen

Die Zeit vergeht, so langsam lebe ich mich hier ein, vieles wird inzwischen zur Routine und gehört einfach „dazu“. Doch es gibt Dinge, die mich trotz allem tagtäglich zur Weissglut treiben, mir den letzten Nerv rauben und es einem so schwer machen sich hier wohl zu fühlen.

Erstens: Egal wo man hingeht, ob es ein Supermarkt ist, eine Boutique, ein Restaurant oder ein Kiosk in der abgelegendsten Ecke, die russische Frechheit der Dienstleistenden kennt keine Grenzen. Besonders schwierig zu begreifen für jemanden, der sich an die europäischen Standards gewöhnt und selbst in sämtlichen Service-Bereichen gearbeitet hat. Ein prägnantes Beispiel lieferte mir gestern eine Lebensmittelverkäuferin auf dem Markt. Als ich sie mit meiner europäischen breites-Lächeln-freundlicher-Blick-Art nach 1,5%ger Milch fragte, bekam ich als Antwort mit einer was-nervst-du-mich-beim-Zeitungblättern-Stimme ein zynisches: „Hallo?! Noch nicht lesen gelernt oder was? Wir haben nur 3,5%ge, steht doch da!“.

Zweitens: Unabhängig davon welche mentalen Vorbereitungen ich treffe und mit welchen Kunststücken ich mich psychisch darauf einstelle, der Gang in die gehirnerfrierend-kalte Dusche wird jedes Mal zur ganzkörperlichen Qual. Das Wasser hier ist nicht etwa zimmertemperatur-kühl, nein, es ist schlicht und einfach eiskalt. So kalt, wie es nach drei Studen Lagerung im Kühlschrank wäre; so kalt, dass die Wasserhähne anlaufen; so kalt, dass die Finger und Lippen nach jedem Duschgang blau werden. Die Eishölle auf Erden.
Dieser Duschprozess ist nicht nur physische Folter, sondern auch unglaublich zeitraubend: zunächst wird in zwei Töpfen und einem Wasserkocher Wasser aufgeheizt, welches dann in einen Bottich in der Badewanne kommt. Man stellt sich daneben und kippt sich mal das warme Wasser mit einer Tasse über, mal das Gletscherwasser aus der Dusche über den Kopf. Dabei kommt für mich jedesmal der eigentliche Sinn eines „Wechselbads der Gefühle“ wortwörtlich zum Ausdruck. Meiner Berechnung zufolge muss ich mich nur noch 11 Mal der Gefahr einer Meningitis und Blasenentzündung aussetzen, bis es wieder warmes Wasser gibt.

Drittens: Es kann nicht abgestritten werden – das Land bemüht sich wirklich. Doch trotz dieser Mühe funktioniert das Informationsnetz einfach gar nicht. Mal abgesehen von ständigen Rundfunkausfällen und grauenhafter Mobilfunkqualität, das Internetsystem hier ist eine Ohrfeige für jeden halbwegs zivilisierten Internetanbieter. Von einer Flatrate hat hier niemand was gehört und nicht nur dass die Abrechnung in Cent pro runtergeladenes Mbyte erfolgt, es ist auch einfach rotzfrech teuer. Allein um mich bei Skype anzumelden, zahle ich jedes Mal 20 Cent, also genausoviel wie eine Busfahrt oder eine Flasche Mineralwasser hier kostet. Zusätzlich haucht das russiche Wlan alle zehn Minuten sein Leben aus und will neugestartet werden – eine Wutprobe für mich und mein Parasympathicus.

Viertens: Mindestens zwei Mal am Tag bin ich gezwundgen mich der Gefahr einer Marschrutka aussetzen. Auch wenn ich es inwzischen schaffe den Geruch und den tüv-unreifen Zustand unbeachtet zu lassen, bin ich anscheinend nicht in der Lage aus diesem Fahrzeug auszusteigen ohne mir dabei den Kopf so anzustoßen, dass ich jedes Mal meine, wie in den Warner Brother’s Cartoons, einen Sternenkranz über mir kreisen zu sehen.  Wenn ich eine Glatze hätte, könnte man mittlerweile abzählen wie oft ich schon eine Marschrutka gefahren bin.
Am schlimmsten ist aber die Rush-Hour-Zeit, wenn alle Menschen, die gerade von der Arbeit nach Hause wollen (und ich auch) in diese Minibusse drängen. Es ist nicht nur ein Kampf um den Sitzplatz, sondern überhaupt ums Einsteigen. Und wenn man es nach dieser Boxrunde tatsächlich geschafft hat, sitzt man noch weitere 1,5 Stunden eingequetscht zwischen all den Menschen – was meinen dauer-reisekranken Magen ordentlich auf die Probe stellt.

Fünstens: Letztendlich ist es auch die Stadt selbst. Chelyabinsk – die Industriestadt Russlands; schon seit dem ersten Weltkrieg ist sie für ihre Traktoren- und Metallwerke berüchtigt. Ein Vorteil für den russichen Exportmarkt, ein Nachteil für die Menschen, die hier leben. Denn dadurch genießt Chelyabinsk noch einen ganz anderen Ruf: es zählt als die dreckigste Stadt der Welt was die Luftverschmutzung angeht. Wenn man durch die Industriegebiete vorbeifährt, legt sich ein grau-brauner Film über die Autofenster und falls der Wind aus der Richtung dieser Stadtteile weht, dann ist die gesamte Stadt mit einem fauligen, stickigem und stechendem Geruch bedeckt. Da sage mir noch jemand, dass die Autoabgase in Deutschland ganz furchtbar seien…

9.7.09 19:27


6. Das kühle Nass

Raus aus dem grauen Großstadtalltag und rein in die wunderschöne Natur Russlands – dachte ich mir an diesem Wochende, setzte meinen Vater ans Autosteuer und deutete in Richtung Uvildy-See. Der Uvildy ist mit einer Fläche von 70 km/2 und einer Tiefe von 37 m einer der größten Seen  im Ural und gilt samt seiner Umgebung als Naturschutzgebiet. Seinen Namen, der übersetzt „der blaue Kelch“ bedeutet, hat er aufgrund des kristallklaren, tiefblauen Wassers bekommen. Der See schöpft sich nämlich aus reinstem Quellwasser und wurde zu Zeiten der Trockenheit in benachbarten Gebieten im letzten Jahrhundert sogar als Trinkwasserersatz benutzt. Schon lange freute ich mich auf die unberührte Natur.

Wir fuhren also mit meinem Vater und seiner Frau noch am Freitag-Nachmittag los. Glücklicherweise hat ein Freund meines Vaters dort ein Ferienhaus, in welchem wir unterkommen konnten. Nach einer 2-stündigen Fahrt kamen wir an und ich stellte fest, dass das Haus eigentlich viel mehr ein kleines Anwesen war, ausgestattet mit Parketböden, Holzverkleidung an den Wänden und einer Sauna. Sogar ein wunderschöner Garten mit Blumen, Grünzeug und Grillplatz war da und was mich mehr als nur freute, war eine richtige saubere Toilette (sonst sind es in solchen Ferienhäuschen eher Freiluft-Plumpsklos).

Als erstes schnappte ich mir das Handtuch, schleppte alle anderen mit (inklusive der Hausherr-Familie) und rannte zum Seeufer. Was sich mir dort bot war ein Panorama-Anblick wie von einer Postkarte: tiefblau-glänzendes Wasser wo das Auge nur hinreicht, umgeben von dichtbewachsenen, grünen Ufern aus Kiefern, Birken und Fichten; auf der gesamten Wasseroberfläche glänzte wie in einem Spiegel der wolkige Himmel und schien dadurch unendlich; eine Illusion, die nur von den mit Bäumen bedeckten Inseln des Sees durchbrochen wurde. ´
Als ich das Wasser sah, hatte ich sofort den Wunsch in das kühle Nass einzutauchen, doch leider spielte das Wetter nicht mit. Es waren nur 16 Grad Außentemperatur und das Wasser nur kalte 12 Grad, dazu regnete es auch noch wie aus dem Eimer. Nichtsdestotrotz riss ich mir die Kleider vom Leib und noch bevor mein Vater mir eine Vorlesung über Unterkühlung oder sonstige elterliche Propaganda halten konnte, sprang ich ins Wasser. Ja, es war kalt, sehr kalt sogar, und kam an meine täglichen Duscherlebnisse sehr nahe. Als ich nach wenigen Sekunden merkte, dass ich die Haut an meinen Füßen und Händen nicht mehr spürte, wurde ich wieder rausgezogen. Ich bekam sofort ein Handtuch drüber und ein Plastikbecher mit Cognac in die Hand gedrückt, das ich sofort „zum Wärmen“ austrinken sollte. Nachdem die meisten meinem Beispiel gefolgt waren, ging es zurück in das Haus und in die heiße Sauna, in welcher ich noch mehr von dem Zeug trinken musste, was sich am nächsten Morgen bei mir auch bemerkbar machte.

Der Samstag bestand für mich somit aus rumliegen, für die anderen war es seit dem frühen Morgen ein Wechsel von Trinken, Essen, Sauna… Am Abend gab es dann auch noch ein riesiges Festmahl aus selbstgezüchtetem und –geerntetem Gemüse und natürlich Schaschlik – eine Art über Kohle gegrilltem Fleischpieß, der im Sommer in jedem Garten und Ferienhaus eine russische Pflichtübung ist.
Doch vom Essen selbst bekam ich nicht allzuviel mit, denn alle zwei Minuten wurde ein Tost ausgesprochen – eine weitere russische Disziplin von Trinksprüchen -  während welcher man weder sprechen noch kauen durfte. Mal ging es um das Wohl des Hausherren, mal um das verlorene Kind aus Deutschland, mal um den Vater der sich über den Besuch freut... Es ging ewig so weiter, bis das Essen fast kalt geworden war.

Nach diesem Abend, schleppte ich mich totmüde  ins Bett und schlief schon tief und fest, als sich alle anderen überlegten wie schön es doch wäre, wenn mein Vater – der Opernsänger – etwas aus seinem Repertoire singen könnte. Das tat er auch, in seiner vollen Opernsaal-Lautstärke. Nachdem ich vor Schreck fast aus dem Bett gefallen bin, stellte ich mit Bedauern fest, dass es wohl heute Nacht nicht bei nur einem Lied bleiben würde. Ich höre dem Gesang meines Vater unheimlich gerne zu, nur doch nicht um 4 Uhr morgens (solange ging nämlich das Privatkonzert, von dem jeder bis auf mich begeistert war).

Am Sonntag wachte ich wie gerädert auf und wollte schon bis zur Abfahrt nach Hause einfach im Bett liegen bleiben, bis ich ein Blick aus dem Fenster warf: der Wald, die Baumkronen und die Häuser waren vom Sonnenlicht gebadet und angenehm wärmende Sonnenstrahlen fielen auf mein Kissen. Ich sprang auf, rannte nach unten, schnappte mir ein Obstfrühstück und joggte zum See. In der Sonne glänzte das Wasser umso mehr, war leider aber kein Stück wärmer geworden. Ich verbrachte also den Tag am Strand und schaffte es letztendlich sogar mir einen Sonnenbrand zu holen.

Mein Higlight der Tage: Als ich am Sonntag vom Strand kam, verspürte ich zum ersten Mal in den letzten Tagen wieder Apettit, um nicht zu sagen einen Bärenhunger, weswegen ich mich umso mehr auf das Mittagessen freute. Als ich aber die Tür zur Küche betrat änderte sich das schlagartig: mich überkam der stechende Geruch von gedünsteten Zwiebeln, der aus einer Pfanne voll mit diesem Gemüse in meine Nase kroch. Es war nicht nur ein Düftchen, sondern eine Art Dampfbad in diesem Gestank. Ich schaffte es ganz knapp meinen Brechreiz zu unterdrücken und rannte raus. Damit war mein Mittagessen, mein Apettit und mein Nachmittag hin. Ich legte mich draußen in die Hängematte und wartete bis man die Gaskammer wieder betreten konnte.

14.7.09 19:34


7. Work and Travel

Der Arbeitsalltag von jedem normalen Menschen sieht wie folgt aus: man schleppt sich jeden Tag zum Arbeitsplatz und freut sich auf das Wochenende und jede arbeitsfreie Minute. Man könnte meinen ich hätte sie nicht mehr alle, aber bei mir ist das genaue Gegenteil der Fall. Nicht nur dass mein Praktikum kein grauer Büroalltag ist, je mehr ich mich einarbeite, umso interessanter wird es für mich.

Mein Tag fängt damit an, dass ich alle Tages- und Wochenzeitungen, die auf meinem Schreibtisch gelegt werden nach unseren Veröffentlichungen absuche, daneben kann ich mir sämtliche Artikel durchlesen, die mich sonst noch interessieren – „es sei schon in Ordnung“ sagt immer Elena. Danach ergänze ich immer unser Monitoringsystem, für welches ich verantwortlich bin, um meine Funde und erledige noch alles andere was so am Tag anfällt: ich telefoniere mit Redakteuren, mache irgendwelche Termine oder überwache den Programmablauf in dem nagelneuen komplett-digitalen TNT-Studio. In den Kinos von Chelyabinsk kennen mich inzwischen alle Mitarbeiter, täglich werde ich in jedes davon gefahren und muss im Namen von Elena mit ihnen streiten, falls bei den Werbefilmen was schiefläuft und danach meiner Cheffin Bericht erstatten. Als ich letzte Woche mal außnahmsweise privat ins Kino wollte, sprang die Ticketverkäuferin auf und holte in Eile den Manager, welcher mir in seiner Aufregung erklärte, dass sie gerade nicht auf eine Kontrolle von TNT vorbereitet wären und uns gar nicht erwartet hättet. Ich hätte mich totlachen können.

Das einzige, was meine Freude an der TNT-Arbeit trübt, ist Irina – die neue Praktikantin, die sich gestern bei Elena vorgestellt hat. Sie sei unglaublich schlau, arbeite neben ihrem Studium in einer angesagten Zeitung, sei unglaublich erfahren und überhaupt ganz toll, sagte mir meine Cheffin im Voraus. Und nicht nur, dass sie aus irgendeinem Grund mit sämtlichen Medienmachern des Landes per du ist, scheint sie Elena persönlich zu kennen und mit ihr mal öfter privat in ICQ zu chatten. Ich hasse sie jetzt schon. Als sie dann am Dienstag morgen ankam, bestätigte sich meine Abneigung. Auf die Frage welche Aufgaben sie denn gerne ausführen würde, antwortete sie, dass sie wohl beim Monitoring nicht ganz abgeneigt wäre und auch gerne die Filmvorführungen kontrollieren würde. Na sicher, dachte ich mir.

Den restlichen Tag durfte ich mir von Irina anhören was sie denn sonst noch faszinierendes in ihrem Leben vollbracht hat. Sie kann z.B. Englisch auf Grundschulniveau, lernt schon seit einem Monat Deutsch und wird demnächst für ganze zwei Wochen nach Paris reisen, um dort in dieser unglaublichen Zeitspanne ausgiebig erste Französischkenntnisse zu sammeln. Ein Witz für mich, tatsächlich bemerkenswert für Russland. Hier spricht kaum jemand ein Wort Englisch, von anderen Sprachen hat man wahrscheinlich nur mal irgendwo gehört. Warum es so schlecht um die Sprachkenntnisse der russischen Bevölkerung steht? Jedes mal wenn ich jemandem diese Frage stelle, bekomme ich nur eins als Antwort: „Wozu? Auf Hunderten von Kilometern in jede Himmelsrichtung braucht man nur Russisch.“ Für einen Europäer etwas vollkommen unbegreifliches.
15.7.09 20:34


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