daria-russia - @ myblog.de
15. Und schließlich....Perfekt

Ich denke  jeder der auch nur einen flüchtigen Blick auf meine bisherigen Beiträge in diesem Blog geworfen hat, kann mit Sicherheit sagen, dass ich bisland an keinem Punkt  meiner Reise in Begeisterungsstürmen ausbrechen konnte. Doch dieses Wochenende kann ich vom Gegenteil berichten, denn zumindest an diesen wenigen Tagen war ALLES perfekt und NICHTS lief schief. Auch wenn es zunächst danach aussah…

Ein Besuch in dem Ferienhaus meiner Freundin Maria war über das Wochenende vorgesehen. Als ich am Samstagmorgen aufwachte und aus dem Fenster blickte, war nichts mehr von der gestrigen Sonne geblieben. Stattdessen blickten mich ein Paar düstere, regnerische Wolken an. Wir ließen uns davon dennoch nicht abschrecken, zumindest nicht ganz: die Fahrt wurde auf einen späten Nachmittag verschoben.

Trotz Regen und wütend-heulendem Nordwind traf ich mich an der Bushaltestelle mit einer weiteren Freundin, Eugenia. Wir suchten den richtigen Bus und fuhren los Richtung Feriengebiet Möve. Hier gehören nämlich alle Ferienhäuser und Schrebergärten zu bestimmten Gebieten, die alle einerseits einen für mich unerklärlichen Namen tragen, andererseits als Bushaltestelle dienen. Als wir also an unserer „Möve“ ausstiegen, erwartete uns nicht etwa schon in wenigen Metern das Häuschen. Stattdessen wurden wir am Straßenrand einer Schnellstraße ausgesetzt und hätten noch ca. 700 Meter über eine durch den Regen zermanschte, halb im Wasser stehende Waldstraße laufen müssen.

Nach wenigen Schritten stellten wir fest, dass wir uns auf einer Mission Impossible befanden. Eine andere Lösung musste also her. Nach einem kurzen Blick auf die in der Nähe grasenden Pferde, entschieden wir uns doch lieber dafür bei vorbeifahrenden Autos um Hilfe zu betteln. Wenn denn welche vorbeigefahren wären. Und irgendwannmal, als alles schon verloren schien, kam tatsächlich ein kleiner Truck, an den wir uns sofort ranschmissen.

Innen saßen drei Männer und ein Kühlschrank, der über dem zusammengelegten Hintersitz bis in den Kofferraum reichte. Doch das hinderte die drei nicht daran uns einen Sitzplatz anzubieten. Das Angebot stand fest: wir sollen uns dorthin quetschen, wo mal die Rückbank war und der arme dritte Kerl würde sich irgendwie in den Kofferaum pressen. So fuhren wir dann bis zu unserem Ziel, ich mit Eugenia auf dem Schoss neben dem Kühlgerät, dass bei jeder Straßenunebenheit seine Tür in meine rechte Pobacke rahmte.

Doch die Mühe lohnte sich, denn als wir bei Maria ankamen, begrüßte mich ein wunderschönes und gemütliches Ferienhäuschen, mit einer großen grünen Wiese und vielen, bunten Blumen drumherum. Das Haus selbst war nicht irgendwie provisorisch eingerichtet, wie solche Sommerdomizile es meistens sind.

Es war ein richtiges, echtes Wohnhaus, geschmackvoll ausgestellt mit IKEA-Möbeln, einem Flachbildfernseher, zahlreichen Dekoartikeln, einer Designerküche, einem Kamin und einem echten Badezimmer, mit türkis-blau gefließten Wänden, Marmorböden und Dusche. Auch kam das Wasser in dem Haus nicht eiskalt aus der unterirdischen Wasserquelle, denn überall waren Wasser-Boiler angebracht. Ähnlich sah es auch in dem Saunahäuschen aus (ja es war tatsächlich ein eigenes, genauso schön eingerichtetes Gebäude), das wir auch als erstes ausgiebig besuchten.

Den halben Abend verbrachten wir in der angenehm nach Holz duftenden Sauna, in der man sich beim rauskommen über seinen aufgeheizten Körper einen Bottich eiskalten Wassers kippen konnte, der direkt an der Decke über dem Ausgang angebracht war und wozu man nur an einer Schnur hätte ziehen müssen.

Danach gab es das leckerste Essen, das ich bislang hier nur hatte, aus selbst angebautem, frischem Gemüse und hausgemachter Himbeereiscreme. Und als Entertainement-Punkt stand auf dem Tagesplan das Rumliegen auf dem Sofa und Anschauen des in Russland anscheinend sehr beliebten „Mamma-Mia!“. Und da diese Filmversion eine Karaoke-Ausgabe war, verschreckten wir den restlichen Abend sämtliche Nachbarn mit unseren „Dancing Queen“- und „Money Money“-Interpretationen.

Als ich dann nach einer Nacht im gemütlichen Bettchen meine Äuglein aufmachte, sah ich aus dem Fenster den Sommer mir zulächeln. Für den restlichen Tag warfen wir uns ins Gras mit der Hoffnung auf eine schöne Sommerbräune. Marias rothaarige Katze leistete uns dabei herzlichst Gesellschaft und schnurrte neben meinem Ohr bis zum späten Nachmittag.

Nach all den Wochen hier im launischen, kalten Ural mit den unfreundlichen und zickigen Menschen im fabrikvergastem Chelyabinsk hatte ich die Hoffnung auf ein Paar sorgenlose Tage fast aussichtslos verloren. Doch nun bin ich froh, dass ich wenigstens zum Schluss doch noch mein perfektes Wochenende erleben konnte.

Ein Ausblick: Weniger perfekt und vor allem weniger warm wurde es dann am nächsten Tag als ich mit meinem Vater in sein Landhaus fahren sollte. Bei 8°C Außentemperatur und strömendem Regen, versuchten wir auf seinem Grundstück zu grillen. Vor Kälte zitternd und vom Uralwetter durchnässt, schmeckte das Mittagessen seltsamerweise aber umso besser.

11.8.09 07:41


16. Mit dem Gesicht in Richtung Zuhause

Ein letzter Beitrag sollte wohl immer eine Art Resumee über das Erlebte und Gesehene sein. Nun, mit dieser Aufgabe habe ich mich schwer getan und lange nach den richtigen Worten gesucht. Ich wollte etwas wichtiges, kluges und alles in sich zusammenfassendes schreiben. Doch jetzt sitze ich hier, vor meinem halb-fertig gepackten Koffer und begreife, dass keine Worte der Welt reichen würden, um dieses Land und alles was Russland ausmacht weiterzugeben und jemandem nahe zu bringen. Alles was ich hier nun schreiben kann, sind nur meine eigenen Erinnerungen.

Ich weis noch zu gut… Wie ich vor sechs Wochen hier ankam, bei einem Wetter, das sich von dem heutigen kein bischen unterscheidet: es ist kalt, nass, sonnig und warm, alles gleichzeitig, der Ural eben. …Wie ich noch lange vor der Badezimmertür mit weit aufgerissenem Mund stand nachdem mein Vater mir mitteilte, dass es nur kaltes Wasser gibt. …Und wie er noch lange über meinen Gesichtsausdruck lachte.

Seit meinem letzten Besuch hier, hat sich nicht viel verändert. Die Menschen leben noch immer zwischen reich und arm, was sich in der ganzen Stadt wiederspiegelt, die öffentlichen Verkehrsmittel sind noch immer meistens eine Zumutung und Höflichkeit steht noch immer nicht auf dem Tagesplan der russischen Bevölkerung. Alles Dinge von denen ich bei jeder Ankunft aufs Neue schockiert werde und an die ich mich bei jeder Abreise schon wieder gewöhnt habe.

So wurde ich in den letzten Wochen häufig gefragt, ob ich mir ein Leben hier bzw. eine Rückkehr in dieses Land vorstellen könnte. Und wenn ich diese Frage in meinen ersten Tagen hier hätte beantworten müssen, dann wäre kein langes Überlegen nötig. Wenn ich aber jetzt darüber nachdenke… nun ja, auch dieses Mal habe ich mich daran gewöhnt vieles einfach zu akzeptieren und kann inzwischen ohne Weiteres damit leben.

So habe ich es wieder gelernt, eine mich unbegründet anfauchende Verkäuferin oder eine Kellnerin die mich dazu nötigt etwas jetzt sofort zu bestellen, weil sie früher Feierabend machen will, zu ignorieren und mit einem freundlichen Lächeln weiterzugehen. Auch verdirbt es mir inzwischen nicht die Laune, wenn ich vor einer Bank stehe, die erst eine Stunde nach eigentlicher Öffnungszeit ihre Türen aufmacht. Meine Angst vor Marschrutkas habe ich auch überwunden, nun kämpfe ich mich zielstrebig in diese Fahrzeuge und prügel mich selbstsicher um den Sitzplatz, um in dieser Millionenstadt überhaupt vorwärts zu kommen.

Könnte ich hier also tatsächlich leben? An das ständig launische Wetter der letzten Tage kann ich mich mittlerweile anpassen, von dem ständigen fauligen Geruch der Fabriken nehme ich so langsam auch keine Notiz mehr und sowohl die Menschen, als auch alles andere hier scheint mich in letzter Zeit wirklich nicht mehr zu nerven. Ich kann sogar sagen, dass die letzten Tage wirklich schön waren, so dass ich mich heimisch und sehr wohl gefühlt habe.

Vielleicht ist das alles so weil ich wirklich hier hin gehöre…. oder auch weil es nunmal die letzten Tage waren, weil ich weis, dass ich den Fabrikgestank nicht länger ertragen muss, dass die unfreundliche Verkäuferin hier zurückbleibt und dass ich von heute an keine Vier-Jahreszeiten-Tasche mehr brauchen werde.

Vielleicht erscheint das alles mir heute in einem anderen Licht, weil Menschen nunmal dazu neigen kurz vor einem Abschied auf lange Zeit in nostalgische Gefühle zu verfallen und weil Menschen prinzipiell am Ende einer Reise sich nur an das Schöne und Angenehme erinnern wollen.

Und auch wenn in meinen bisherigen Beiträgen es nicht immer danach klang, ich habe aber in den sechs Wochen hier in Chelyabinsk tatsächlich Vieles erlebt, an das ich mich gerne und mit einem Lächeln erinnern werde, wenn ich mal auf die Fotos von diesem Sommer oder auf diesen Blog zurückblicke.

So packe ich nun gleich meinen Koffer fertig, stelle mich auf einen tränenreichen Abschied von meinem Vater und werde Good Old Russland für weitere Paar Jahre den Rücken zukehren, mit dem Gesicht in Richtung Zuhause.

11.8.09 16:05


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