daria-russia - @ myblog.de
3. Russian Standard

Schon im November hatte ich die Zusage für das Praktikum, das ich heute anfangen sollte. Was für ein Glück, dachte ich noch damals.
Als ich dann gestern bei meinem lieben Bekannten anrief, bei dem ich nun sechs Wochen lang „praktizieren“ würde, teilte mir dieser mit, dass aufgrund der transnationalen Wirtschaftskrise seine Firma vor einigen Tagen Insolvenz angemeldet hätte.  Ich solle mir aber keine Sorgen machen, da er sich – so loyal wie er ist – schon darum kümmern würde… Und tatsächlich, zwei Stunden später stand ich, in meiner Bewerbungsgespräch-Ausrüstung, mit ihm im Office des Corporate Directors von TNT Russia, eines Fernsehsenders der mit dem deutschen VOX zu vergleichen wäre. Und genau 11 Stunden später stand ich nochmal vor dem Büro, um heute nun endlich meinen ersten Praktikumstag anzutreten. Der Tag bestand aus Tonnen von Infomaterial über den Sender und seine PR-Strategien, nach welcher Lektüre ich beschloss, dass die europäischen Rundfunkanstalten viel zu verwöhnt sind.

Mein verantwortungsbewusster Bekannter – so loyal wie er ist – dachte wohl, dass er noch nicht genug getan hat und holte mich direkt vom Studio ab, um mir ein wenig das „neue“ Chelyabinsk zu zeigen. Welche Art von Sightseeing in einer Millionenstadt mit einer Fläche von 486 km/2 hättet ihr nach dieser Einladung erwartet? Ich dachte da an einen kurzen Spaziergang in der Fußgängerzone und danach das gemütliche Anschauen von Chelyabinsk aus dem Fenster eines Autos. Leider hatte mein Bekannter da eine andere Vorstellung: eine „Lass-uns-zu-Fuß-14-Kilometer-durch-die-Stadt-laufen“-Vorstellung. Wir brachen also bei 12-Grad Außentemperatur, Orkanböen und ich in Officemontur (Anzughose, schneeweißer Bluse und 10cm-Absätzen) auf, um zunächst auf dem roten Platz seine Freundin zu treffen.

Und wieder musste ich an meinem Urteilsvermögen zweifeln. Während ich ein freundliches und herzliches russisches Mädchen erwartete, entpuppte sich seine Freundin als ein 1,80-großes, übergeschminktes, rosa Schuhe tragendes, zu hell blondiertes Möchtegern-Modell, dass mich genau eines einzigen Blickes würdigte, um ein „Haaaii“ zu hauchen. In der restlichen Zeit beschäftigte sie sich mit ihrem Paris-Hilton-Rosa-Glitzerhandy, dass ein piepsendes „I Love You“ als SMS-Signal von sich gab.

 Mein Bekannter machte sich währenddessen daran für ihn wichtige Infos über Deutschalnd aus mir zu quetschen, ob denn die Deutschen wirklich so viel Bier trinken, ob sie wirklich jeden Tag Hackbraten essen würden…  Zwischendurch machte er mich auf die neuesten Sehenswürdigkeiten der Stadt aufmerksam, die es schon seit mindestens 7 Jahren gibt und welche ich natürlich bei allen meinen vorherigen Besuchen ein Dutzend Mal gesehen habe.
Nach einem dreistündigen Fußmarsch in dieser Atmosphäre, als ich merkte, dass meine Füße meine neuen Echtleder-Schuhe vollbluteten, als mein Geduldsfaden nur noch hauch-dünn war und als mein lieber Guide uns anbot in dem letzten verbliebenen Stückchen Wald in Chelyabinsk über einen Haufen Tannenzapfen spazieren zu gehen, täuschte ich einen Anruf meines Vaters vor und behauptete ganz dringend nach Hause zu müssen. Aber auch hier zeigte sich die russische Loyalität wieder, denn natürlich musste ich erst zur Haltestelle begleitet werden. Und als wir dort endlich ankamen, teilte mein Bekannter mir mit, dass die richtigen Busse erst von der nächsten Haltestelle fahren würden, bis zu der man noch 500m laufen müsse.

Mein Fazit des Tages? Russen sind ein sehr zuvorkommendes, verantwortungsvolles, loyales und hilfsbereites Volk….. leider.

3.7.09 18:47
 


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