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2. Kulturschock Heimat

Russland – mein Heimatland; Chelyabinsk – die Stadt meiner Kindheit. Jedes mal wenn ich aus dem Flugzeug steige, scheint alles vollkommen vertaut, nostalgische Gefühle überkommen mich an jeder Straßenecke und alte eingestaubte Erinnerungen werden wach. Die Menschen, die Straßen, die Häuser, all das scheint noch immer irgendwie zu mir zu gehören. Doch egal wie gut ich meine Heimat zu kennen glaube, sitzt der Kulturschock über das „neue“ Russland mit jedem Besuch umso tiefer. Es ist ein Russland absoluter Kontraste.

Nach meiner insgesamt 20-stündigen Reise kam ich am Sonntag um 5 Uhr morgens Ortszeit endlich in Ekaterinburg an, wo mich mein Vater erwartete. Das Wetter im Ural begrüßte mich mit Temperaturen von unter 10°C, einem Orkanwind und unerbittlich strömendem Regen, ganz anders als die letzten zwei Hitzewellen-Wochen hier in Chelyabinsk. Mein Vater merke nur seelenruhig an, dass das Uralwetter vor allem für seine Launenhaftigkeit bekannt sei.

In seinem nagelneuen Suzuki fuhren wir über eine Autobahn, die mit ihrem spiegelglatten, frisch gelegten Asphalt die Autos beinahe über sich dahinschweben ließ. An ebensolchen Straßen des Stadtzentrums vorbei, änderte sich, als wir in den peripheren Stadtbezirken von Chelyabinsk ankamen, die Straßenbeschaffenheit schlag(loch)artig. Autos fuhren über 10m-breite Straßen auf ca. 4-5 Streifen in jede Richtung ohne jegliche Streifenmarkierungen und auf Asphalt, der mehr Schlagloch, als Straße war.

 An dem Wohnblock angekommen, in dem sich die ungenutzte Zweitwohnung meines Vaters und meine jetzige Bleibe befand, zuckte ich voll Unbehagen zusammen, als ich die alten, schon längst baufälligen, noch in der Kommunismus-Zeit entstandenen Gebäude dieser Gegend sah. Vor lauter Autoabgase der letzten Jahrzehnte waren sie grau angelaufen, der Außenbelag blätterte ab und die Balkone sahen aus, als ob sie keine Taube mehr tragen könnten. Ich dachte nur noch an die nagelneuen, großflächig verglasten, nach europäischem Design und Standard errichteten Wolkenkratzer des Stadtzentrums, an denen wir vorbeigefahren sind. Eins davon stand direkt mir und der alten Ruine von Haus gegenüber.

 An dem stechenden, suspekten Geruch des Hausflurs, den aufgequollenen, zertrümmerten Briefkästen und einer knirschenden, quitschenden, fast unbeleuchteten Kammer als Aufzug hatte sich nichts verändert. Erst in der Wohnung konnte ich wieder ausatmen. Warum ich hier und nicht in der schicken Erstwohnung meines Vaters inmitten des Stadtzentrums wohne? Hier bin ich zuhause, so komisch es auch klingt.

 Das Besondere an diesem Land ist die Kälte seiner berüchtigten Wintermonate. Eine Tatsache, die den Menschen rund um das Jahr das Leben erschwert. Denn aufgrund von Wasserrohrüberholungen, die nach solchen Minustemperaturen fällig sind, wird alljährlich in ganz Russland für einen Monat das warme Wasser abgestellt. Gerade ist so ein Monat.

 Doch in Anbetracht der Lebenserhaltungskosten hier, ist es wahrscheinlich auch gut so. Diese sind in den letzten Jahren um etwa 300% gestiegen. Einfache Butter kostet umgerechnet 2 Euro, während die staatliche Rente 90 Euro im Monat beträgt. Doch auch das Einkommen der Bevölkerung scheint in diesem Land einem absoluten Dualismus verfallen zu sein. Menschen, die in Versace, Gucci und Ed Hardy an bettelnden Kindern, Alten und Krüppeln vorbeilaufen – ein Bild, das einem an jeder Straßenecke begegnet.

Ich frage mich nur zu welcher der beiden Seiten wohl ich gehört hätte, wenn ich dieses Land nicht vor zehn Jahren hinter mir gelassen hätte…

3.7.09 20:31
 


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