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4. Und endlich Arbeit!

Bis hierhin war es ein langer Weg: eine Praktikumszusage im November, eine rückwirkende Absage im April, eine neu-überlegte Zusage im Juni, eine globale Wirtschaftskrise… Doch hier steh ich nun endlich, vor dem Gebäude meines neuen Praktikumsplatzes – dem TNT-Studio. Heute fängt mein Arbeitsleben in Russland an, an dem ersten richtigen Praktikumstag.

Das Studio befindet sich in einem Gebäude, das sich zusätzlich eine weitere Fernsehanstalt und die drei größten Radiosender von Chelyabinsk teilen. Da, wie ich vermute,  der Sicherheitsposten befürchtete, dass ich im falschen Studio landen und in einer Live-Sendung in ganz Russland ausgestrahlt werden könnte, brachte er mich zu der richtigen Tür mit einem riesigen, leuchtenden TNT-Logo darüber. Mir wurde sofort ein Schreibtisch neben Elena, der Leiterin dieser Abteilung, zugewiesen, was den Vorteil mit sich brachte, dass jeder Besucher mich für besonders wichtig hielt und so besonders höflich zu mir war.

Nach einer Kennenlernrunde war es endlich soweit… ich bekam meine erste Aufgabe! So sehr ich mich darauf freute, umso bitterer hätte ich in Tränen ausbrechen können, als ich erfuhr, worum es sich handelte: Ich sollte bitte einen Pressespiegel erstellen (der passende  zweimeter-hoher Stapel Zeitungen lag auch schon auf meinem Tisch). Nur wenige wissen, welche Freude mir diese Aufgabe bereitet.

Dafür gestaltete sich der restliche Arbeitstag umso angenehmer. Nach der Mittagspause wurde ich in das Firmenauto gesetzt und von einem Chauffeur durch sämtliche Kinos der Stadt kutschiert. In jedem Kino durfte ich mein TNT-Ausweis vorzeigen und mit einer bedeutungsschweren Stimme behaupten, ich wäre hier um die Werbefilme unseres Senders zu überprüfen. Der tiefere Sinn dieser Arbeit bestand darin, dass die starke Konkurrenz auf dem Zuschauermarkt und zahlreiche andere ökonomische Faktoren in Russland die Rundfunkanstalten zu einer starken Eigenwerbung zwingen. Diese verwirklicht TNT unter anderem in Werbeblöcken bei Filmvorführungen, welche ich auf ihre Qualität und den richtigen Abspielzeitpunkt „kontrollieren“ sollte. In Klartext heißt es: ich hab den ganzen Tag Filme im Kino geguckt.

Das Highlight des Tages bot mir aber die Heimfahrt in einer „Marschrutka“. Es ist die Art eines Fahrzeuges, die es wohl in jedem Land der Welt in irgendeiner Form gibt: in Thailand sind es Sontheos, in Senegal die Car-Rapides und in Kenia (aus einer glaubwürdigen Quelle) die Matatus. Es ist ein Gefährt, dass mehr klappert als fährt. Marschrutkas sind eine Art Taxis, in denen die Menschen, gequetscht wie Sardinen sich durch die ganze Stadt fortbewegen und ums Überleben beten. Schon beim Einsteigen in diesen Minibus und dem Anblick der zertrümmerten Inneneinrichtung und der angerissenen Sitze, möchte man am liebsten wieder raus. Doch ich setzte mich rein und zunächst schien alles gut zu gehen, solange ich nicht auf den zwischen meinen Beinen rollenden Ersatzreifen und das Loch im Boden achtete. Bis ich bei der ersten Vollbremsung merkte, dass mein Sitz unter mir wegrutschte. Er war nur „draufgestellt“ und damit nicht der einzige hier im Bus. Dafür war aber das Fahrzeug mit einem Flatscreen ausgestattet, das andauernd MTV-Videos abspielte.

Paradox, wie alles hier.

4.7.09 21:13
 


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