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5. Fünf Dinge, die meinen Alltag hier zur Hölle machen

Die Zeit vergeht, so langsam lebe ich mich hier ein, vieles wird inzwischen zur Routine und gehört einfach „dazu“. Doch es gibt Dinge, die mich trotz allem tagtäglich zur Weissglut treiben, mir den letzten Nerv rauben und es einem so schwer machen sich hier wohl zu fühlen.

Erstens: Egal wo man hingeht, ob es ein Supermarkt ist, eine Boutique, ein Restaurant oder ein Kiosk in der abgelegendsten Ecke, die russische Frechheit der Dienstleistenden kennt keine Grenzen. Besonders schwierig zu begreifen für jemanden, der sich an die europäischen Standards gewöhnt und selbst in sämtlichen Service-Bereichen gearbeitet hat. Ein prägnantes Beispiel lieferte mir gestern eine Lebensmittelverkäuferin auf dem Markt. Als ich sie mit meiner europäischen breites-Lächeln-freundlicher-Blick-Art nach 1,5%ger Milch fragte, bekam ich als Antwort mit einer was-nervst-du-mich-beim-Zeitungblättern-Stimme ein zynisches: „Hallo?! Noch nicht lesen gelernt oder was? Wir haben nur 3,5%ge, steht doch da!“.

Zweitens: Unabhängig davon welche mentalen Vorbereitungen ich treffe und mit welchen Kunststücken ich mich psychisch darauf einstelle, der Gang in die gehirnerfrierend-kalte Dusche wird jedes Mal zur ganzkörperlichen Qual. Das Wasser hier ist nicht etwa zimmertemperatur-kühl, nein, es ist schlicht und einfach eiskalt. So kalt, wie es nach drei Studen Lagerung im Kühlschrank wäre; so kalt, dass die Wasserhähne anlaufen; so kalt, dass die Finger und Lippen nach jedem Duschgang blau werden. Die Eishölle auf Erden.
Dieser Duschprozess ist nicht nur physische Folter, sondern auch unglaublich zeitraubend: zunächst wird in zwei Töpfen und einem Wasserkocher Wasser aufgeheizt, welches dann in einen Bottich in der Badewanne kommt. Man stellt sich daneben und kippt sich mal das warme Wasser mit einer Tasse über, mal das Gletscherwasser aus der Dusche über den Kopf. Dabei kommt für mich jedesmal der eigentliche Sinn eines „Wechselbads der Gefühle“ wortwörtlich zum Ausdruck. Meiner Berechnung zufolge muss ich mich nur noch 11 Mal der Gefahr einer Meningitis und Blasenentzündung aussetzen, bis es wieder warmes Wasser gibt.

Drittens: Es kann nicht abgestritten werden – das Land bemüht sich wirklich. Doch trotz dieser Mühe funktioniert das Informationsnetz einfach gar nicht. Mal abgesehen von ständigen Rundfunkausfällen und grauenhafter Mobilfunkqualität, das Internetsystem hier ist eine Ohrfeige für jeden halbwegs zivilisierten Internetanbieter. Von einer Flatrate hat hier niemand was gehört und nicht nur dass die Abrechnung in Cent pro runtergeladenes Mbyte erfolgt, es ist auch einfach rotzfrech teuer. Allein um mich bei Skype anzumelden, zahle ich jedes Mal 20 Cent, also genausoviel wie eine Busfahrt oder eine Flasche Mineralwasser hier kostet. Zusätzlich haucht das russiche Wlan alle zehn Minuten sein Leben aus und will neugestartet werden – eine Wutprobe für mich und mein Parasympathicus.

Viertens: Mindestens zwei Mal am Tag bin ich gezwundgen mich der Gefahr einer Marschrutka aussetzen. Auch wenn ich es inwzischen schaffe den Geruch und den tüv-unreifen Zustand unbeachtet zu lassen, bin ich anscheinend nicht in der Lage aus diesem Fahrzeug auszusteigen ohne mir dabei den Kopf so anzustoßen, dass ich jedes Mal meine, wie in den Warner Brother’s Cartoons, einen Sternenkranz über mir kreisen zu sehen.  Wenn ich eine Glatze hätte, könnte man mittlerweile abzählen wie oft ich schon eine Marschrutka gefahren bin.
Am schlimmsten ist aber die Rush-Hour-Zeit, wenn alle Menschen, die gerade von der Arbeit nach Hause wollen (und ich auch) in diese Minibusse drängen. Es ist nicht nur ein Kampf um den Sitzplatz, sondern überhaupt ums Einsteigen. Und wenn man es nach dieser Boxrunde tatsächlich geschafft hat, sitzt man noch weitere 1,5 Stunden eingequetscht zwischen all den Menschen – was meinen dauer-reisekranken Magen ordentlich auf die Probe stellt.

Fünstens: Letztendlich ist es auch die Stadt selbst. Chelyabinsk – die Industriestadt Russlands; schon seit dem ersten Weltkrieg ist sie für ihre Traktoren- und Metallwerke berüchtigt. Ein Vorteil für den russichen Exportmarkt, ein Nachteil für die Menschen, die hier leben. Denn dadurch genießt Chelyabinsk noch einen ganz anderen Ruf: es zählt als die dreckigste Stadt der Welt was die Luftverschmutzung angeht. Wenn man durch die Industriegebiete vorbeifährt, legt sich ein grau-brauner Film über die Autofenster und falls der Wind aus der Richtung dieser Stadtteile weht, dann ist die gesamte Stadt mit einem fauligen, stickigem und stechendem Geruch bedeckt. Da sage mir noch jemand, dass die Autoabgase in Deutschland ganz furchtbar seien…

9.7.09 19:27
 


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