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6. Das kühle Nass

Raus aus dem grauen Großstadtalltag und rein in die wunderschöne Natur Russlands – dachte ich mir an diesem Wochende, setzte meinen Vater ans Autosteuer und deutete in Richtung Uvildy-See. Der Uvildy ist mit einer Fläche von 70 km/2 und einer Tiefe von 37 m einer der größten Seen  im Ural und gilt samt seiner Umgebung als Naturschutzgebiet. Seinen Namen, der übersetzt „der blaue Kelch“ bedeutet, hat er aufgrund des kristallklaren, tiefblauen Wassers bekommen. Der See schöpft sich nämlich aus reinstem Quellwasser und wurde zu Zeiten der Trockenheit in benachbarten Gebieten im letzten Jahrhundert sogar als Trinkwasserersatz benutzt. Schon lange freute ich mich auf die unberührte Natur.

Wir fuhren also mit meinem Vater und seiner Frau noch am Freitag-Nachmittag los. Glücklicherweise hat ein Freund meines Vaters dort ein Ferienhaus, in welchem wir unterkommen konnten. Nach einer 2-stündigen Fahrt kamen wir an und ich stellte fest, dass das Haus eigentlich viel mehr ein kleines Anwesen war, ausgestattet mit Parketböden, Holzverkleidung an den Wänden und einer Sauna. Sogar ein wunderschöner Garten mit Blumen, Grünzeug und Grillplatz war da und was mich mehr als nur freute, war eine richtige saubere Toilette (sonst sind es in solchen Ferienhäuschen eher Freiluft-Plumpsklos).

Als erstes schnappte ich mir das Handtuch, schleppte alle anderen mit (inklusive der Hausherr-Familie) und rannte zum Seeufer. Was sich mir dort bot war ein Panorama-Anblick wie von einer Postkarte: tiefblau-glänzendes Wasser wo das Auge nur hinreicht, umgeben von dichtbewachsenen, grünen Ufern aus Kiefern, Birken und Fichten; auf der gesamten Wasseroberfläche glänzte wie in einem Spiegel der wolkige Himmel und schien dadurch unendlich; eine Illusion, die nur von den mit Bäumen bedeckten Inseln des Sees durchbrochen wurde. ´
Als ich das Wasser sah, hatte ich sofort den Wunsch in das kühle Nass einzutauchen, doch leider spielte das Wetter nicht mit. Es waren nur 16 Grad Außentemperatur und das Wasser nur kalte 12 Grad, dazu regnete es auch noch wie aus dem Eimer. Nichtsdestotrotz riss ich mir die Kleider vom Leib und noch bevor mein Vater mir eine Vorlesung über Unterkühlung oder sonstige elterliche Propaganda halten konnte, sprang ich ins Wasser. Ja, es war kalt, sehr kalt sogar, und kam an meine täglichen Duscherlebnisse sehr nahe. Als ich nach wenigen Sekunden merkte, dass ich die Haut an meinen Füßen und Händen nicht mehr spürte, wurde ich wieder rausgezogen. Ich bekam sofort ein Handtuch drüber und ein Plastikbecher mit Cognac in die Hand gedrückt, das ich sofort „zum Wärmen“ austrinken sollte. Nachdem die meisten meinem Beispiel gefolgt waren, ging es zurück in das Haus und in die heiße Sauna, in welcher ich noch mehr von dem Zeug trinken musste, was sich am nächsten Morgen bei mir auch bemerkbar machte.

Der Samstag bestand für mich somit aus rumliegen, für die anderen war es seit dem frühen Morgen ein Wechsel von Trinken, Essen, Sauna… Am Abend gab es dann auch noch ein riesiges Festmahl aus selbstgezüchtetem und –geerntetem Gemüse und natürlich Schaschlik – eine Art über Kohle gegrilltem Fleischpieß, der im Sommer in jedem Garten und Ferienhaus eine russische Pflichtübung ist.
Doch vom Essen selbst bekam ich nicht allzuviel mit, denn alle zwei Minuten wurde ein Tost ausgesprochen – eine weitere russische Disziplin von Trinksprüchen -  während welcher man weder sprechen noch kauen durfte. Mal ging es um das Wohl des Hausherren, mal um das verlorene Kind aus Deutschland, mal um den Vater der sich über den Besuch freut... Es ging ewig so weiter, bis das Essen fast kalt geworden war.

Nach diesem Abend, schleppte ich mich totmüde  ins Bett und schlief schon tief und fest, als sich alle anderen überlegten wie schön es doch wäre, wenn mein Vater – der Opernsänger – etwas aus seinem Repertoire singen könnte. Das tat er auch, in seiner vollen Opernsaal-Lautstärke. Nachdem ich vor Schreck fast aus dem Bett gefallen bin, stellte ich mit Bedauern fest, dass es wohl heute Nacht nicht bei nur einem Lied bleiben würde. Ich höre dem Gesang meines Vater unheimlich gerne zu, nur doch nicht um 4 Uhr morgens (solange ging nämlich das Privatkonzert, von dem jeder bis auf mich begeistert war).

Am Sonntag wachte ich wie gerädert auf und wollte schon bis zur Abfahrt nach Hause einfach im Bett liegen bleiben, bis ich ein Blick aus dem Fenster warf: der Wald, die Baumkronen und die Häuser waren vom Sonnenlicht gebadet und angenehm wärmende Sonnenstrahlen fielen auf mein Kissen. Ich sprang auf, rannte nach unten, schnappte mir ein Obstfrühstück und joggte zum See. In der Sonne glänzte das Wasser umso mehr, war leider aber kein Stück wärmer geworden. Ich verbrachte also den Tag am Strand und schaffte es letztendlich sogar mir einen Sonnenbrand zu holen.

Mein Higlight der Tage: Als ich am Sonntag vom Strand kam, verspürte ich zum ersten Mal in den letzten Tagen wieder Apettit, um nicht zu sagen einen Bärenhunger, weswegen ich mich umso mehr auf das Mittagessen freute. Als ich aber die Tür zur Küche betrat änderte sich das schlagartig: mich überkam der stechende Geruch von gedünsteten Zwiebeln, der aus einer Pfanne voll mit diesem Gemüse in meine Nase kroch. Es war nicht nur ein Düftchen, sondern eine Art Dampfbad in diesem Gestank. Ich schaffte es ganz knapp meinen Brechreiz zu unterdrücken und rannte raus. Damit war mein Mittagessen, mein Apettit und mein Nachmittag hin. Ich legte mich draußen in die Hängematte und wartete bis man die Gaskammer wieder betreten konnte.

14.7.09 19:34
 


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