daria-russia - @ myblog.de
8. Russian Anatomy

Das viele kalte Wasser der letzten drei Wochen, ob es das Duschen oder das Uvildy-Baden war, scheint langsam seine Spuren an meinem Körper zu hinterlassen. Schon seit mehreren Tagen fühlte sich meine Schulter merkwürdig an, doch als ich gestern früh aufwachte, war ich wie gelähmt vor Schmerz. Mein kompletter linker Oberarm und ein Teil des Brustkorbs taten so sehr weh, als ob sie bei jeder kleinsten Bewegung des Schulternbereiches mit Tausend Nadeln durchstochen werden würden. Noch nicht mal das Atmen funktionierte schmerzfrei. Es war also das eingetreten, wovor ich mein Leben lang am meisten Angst hatte: ich musste in Russland zum Arzt.

Meine Kindheitserinnerungen an sämtliche Arztbesuche gleichen den Folterszenen aus Hollywood-Horrorfilmen. Es gab aber kein zurück, zumindest wenn ich vorhatte mich in den nächsten drei Wochen überhaupt noch zu bewegen. Ich stellte mich also auf ein hartes Unterfangen ein und lies mich von meinem Vater in das staatliche Klinikum fahren. Es war ein altes Gebäude mit sieben Stockwerken, Dutzenden herumwirbelnden Menschen und allen möglichen Abteilungen. Meine befand sich in der letzten Etage, das absolut absurde und unmögliche war aber, dass es keinen Aufzug gab. Eine im neunten Monat schwangere Frau oder jemand mit gebrochenen Beinen und Armen müsste also erstmal die ganzen Treppen hochlaufen bis er danach wahrscheinlich tot umfallen würde. Auf diese Weise reduzieren sie wohl den Patientenansturm.

An der Rezeption teilte mir die Arzthelferin mit, dass da ich keine russische Krankenversicherung habe, müsste ich alles als private Leistung bezahlen und mich vorher bei den zwei verfügbaren Ärzten erkundigen ob sie mich unter dieser Voraussetzung behandeln würden. Dann ist es eben so, dachte ich mir und ging zu dem ersten Ärztezimmer. Da es schon besetzt war, stellte ich mich davor und wartete, zusammen mit drei anderen Frauen, die nach mir kamen. Als die Tür endlich aufging und ich zielstrebig hinein wollte, hörte ich plötzlich ein schreckliches Brüllen, das von einer Frau in wenigen Metern Entfernung kam. Das Wundersame war, dass es sich an mich richtete. Das was die Frau schrie war mir absolut unverständlich, denn sie sagte ich solle mich erstmal anstellen und nicht einfach irgendwo vordrängeln. Mir gingen gleichzeitig mehrere Fragen durch den Kopf: Was genau meint sie denn bitte? Warum zum Teufel interessiert sie das überhaupt, sie selbst wartet vor einem ganz anderem Zimmer? Und was gehe ich sie eigentlich an?

Ich beachtete sie erstmal nicht, trat hinein und fragte ganz höflich die Ärztin, ob sie mich auch „bezahlt“ behandeln würde. Das was ich als Antwort bekam, hätte ich mir nicht mal erträumen können. Um einige Dezibel lauter als die komische Frau brüllte sie auf mich ein: was würde ich mir denn dabei denken ärztliche Leistungen erkaufen zu wollen; würde ich etwa meinen ich wäre besser als alle anderen, nur weil meine Eltern so viel Geld hätten; und ob ich der Meinung wäre, dass alles hier käuflich sei. Ich stand wie geohrfeigt da, ohne auch nur in der Lage zu sein etwas zu erwidern. Während sie mir die Tür vor der Nase zuklatschte, merkte ich wie alles in mir anfing vor Wut und Scham vor den anderen zwanzig Patienten um mich herum zu zittern.

Zähneknirschend drehte ich mich wieder in Richtung Treppenhaus, als die Verrückte von vorhin aufsprang und anfing etwas wegen Vordrängeln mir zu zu schreien. Mein ganzer Körper kochte vor Empörung und dem Schmerz der ganzen Beleidigung; und diese Frau schaffte es in diesem Moment, meinen letzten Tropfen Selbstkontrolle zum Scheitern zu bringen. Ich hob meine Tasche, holte aus und schlug sie mit voller Kraft auf die Sitzbank nur knapp an der Frau vorbei, bückte mich ruckartig ganz nah an ihr Gesicht und schrie so laut ich nur konnte zurück: bevor sie sich in fremde Angelegenheiten einmischen würde, solle sie gefälligst erstens ihre Augen aufmachen und richtig gucken, um dann zweitens das winzige bisschen Gehirn, das ihr blieb, ab und zu einzusetzen. Ich drehte mich um, die vor Schreck halb auf dem Boden sitzende Frau hinter mir, und lief hinaus.

Sobald ich den Ausgang überquerte konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich stand mitten auf der Straße und brach vollkommen in Tränen zusammen. Ich weinte, weil das Wasser hier so kalt war, und weil man jedesmal zehn Versuche braucht um eine SMS zu verschicken; weil die Unfreundlichkeit der Menschen hier keine Grenzen kennt; und weil ich noch nie in meinem Leben so beleidigt und gedemütigt worden bin.

Ich weinte solange bis meine Augen ganz rot angelaufen waren, und als ich so die Straße runterlief, sah ich ein Gebäude mit der Aufschrift „Privates Heilkundezentrum“. Vollkommen verzweifelt trat ich einfach ein und sah etwas, das ich nie erwartet hätte: eine Arztpraxis wie solche, die ich aus Deutschland kenne, mit einem schönen Empfangstresen, pfirsich-farbigen Wänden, gemütlichen Sofas, alles absolut sauber und rein. Und als eine Empfangsdame mich mit einem freundlichen Lächeln begrüßte, mir ein Glas Wasser anbot und fragte ob ich jetzt gleich ein Termin haben wolle, hätte ich wieder weinen können – vor Freude und Erleichterung. Selten war jemand in den letzten Wochen so freundlich zu mir.

Vor der Behandlung bekam ich zum Umziehen rosa Hausschuhe und einen kuscheligen Plüsch-Bademantel. Die Ärztin nahm sich für mich ganze 40 Minuten Zeit und untersuchte aber auch wirklich alles, was man hätte untersuchen können. Und als ich die Praxis mit einem Rezept und einer Überweisung verließ, bekam ich ein rosa Säckchen mit Cremeproben, Wattepads und Traubenzucker. Ich zahlte für den Arztbesuch 25 Euro, doch DAS war es mir an DEM Tag wirklich wert.

20.7.09 20:04
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen
Gratis bloggen bei
myblog.de


Gästebuch

Startseite

Kontakt