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9. Alice in Wunderland

Nach einem 7-tägigem Internetausfall, habe ich nun endlich wieder Kontakt zur Außenwelt und kann von meiner Wochenendtour berichten, die eindeutig einen Platz in meinem Ranking „The Most Shocking Moments Ever“ verdient.

Alles fing am Donnerstag an, als Elena mir mitteilte ich könne mir den Freitag freinehmen. Hocherfreut  rief ich sofort meine Freundin an, die ausserhalb der Stadt wohnt und welche ich deshalb nur seltenzu verbringen. Wir würden zum See gehen, in der Sonne liegen, Shashlik grillen.... Doch genau zwei Stunden später, noch am selben Tag rief m zu Gesicht bekomme. Der Plan stand gleich fest: am Freitag-Morgen fahren wir los, um ein schönes, ruhiges Wochendende bei ihren Eltern auf dem Land ich Elena nochmal an. Sie habe tolle Nachrichten, denn ich müsse mir morgen doch nicht frei nehmen, sie hätte nämlich was ganz tolles für mich gefunden. Ob sie einen Luftsprung von mir erwartet hat? Ich meinerseits wollte gar nicht in die Lüfte, im Gegenteil überlegte ich mir sogar eine Wodoo-Puppe aus dem Nähkasten meines Vaters zu basteln.

Ich stand also am nächsten Tag tatsächlich im Office (und nach einer ausführlichen Diskussion mit meinem Gewissen, doch ohne das Wodoo-Preparat). Die TOLLE Aufgabe, war das Auswerten von Einschaltquoten-Ratings. Es waren Dutzende von Excel-Tabellen mit Hunderten von Spalten mit Tausenden von kleinen Zahlen. Es ging so: Copy, Paste, Rüberziehen, Klick, Speichern..... manche kleine Zahlen rot markieren, die restlichen Hunderttausend blau. Ich setzte mich dran, ich klickte, drueckte, klapperte, rechnete, und copy-paste wie Speedy Gonzales, bis der Drucker fast in sich zusammenbrach. Zwar sah ich danach überall nur noch rumschwirrende Zahlen und Tabellen – ob es die Wand, der Stuhl oder der vorbeilaufende Kollege war – doch ich stieg tatsaechlich Punkt 14 Uhr in den Bus ein, mit höllischen Kopf- und Augenschmerzen, aber überglücklich.

Als der Bus die Stadt verlies, heilte die saubere Luft sofort meine Beschwerden, da wusste ich aber noch nicht, dass es wohl die letzten sorgenfreien Minuten des bevorstehenden Wochenendes waren. Am Elternhaus angekommen stellte ich fest, dass sowohl der Freund meiner Freundin als auch die Cousine samt Mann und kleines Kind mitgekommen sind. An sich schön und gut, doch in Wirklichkeit begann für mich damit das Wochenende im Land des Schwachsinns.

Wenn man es nicht selbst erlebt hat, dann glaubt man es kaum, dass es Menschen geben soll, die ohne jegliche Intelligenz auf die Welt gekommen sind. Ich habe den Beweis dafür gefunden! Der Freund von Natasha (meiner Freundin) ist unheimlich freundlich, nett und höflich und die Cousine und ihr Mann sind herzliche und zuvorkommende Menschen, doch scheinbar leiden alle drei an akutem Gehirnmassemangel. Es gibt ja Menschen, die zwar intelligent, aber einfach ungebildet sind, so z.B meine Freundin. Sie weis zwar nicht was der DAX ist, würde es aber sofort verstehen und mitreden können.  Die anderen drei würden dagegen auch nach stundenlangen Erklärungen noch immer glauben, dass es sich um eine Hunderasse handelt.

Ich riss mich also zusammen und nahm mir vor so tolerant gegenüber diesen Menschen zu sein, wie mein Uni-Gehirn es nur konnte. Wir gingen zunächst in den Garten, ernteten junge Kartofeln, Tomaten und als ich Oksana (die Cousine) fragte, wo ich denn  die Gurken finden würde, deutete sie auf den Busch und nutzte den Moment um sich zu erkundigen ob wir in Deutschland denn auch Gurken hätten? „Ach nein, ich bin ja blöd“ beantwortete sie ihre Frage selbst „ihr habt dort doch nur Ananas“. Sie lächelte und ging weiter, wähernd ich in der Umgebung nach der versteckten Kamera suchte.

Das war aber leider erst der Anfang des wortwörtlich dümmsten Abends meines Lebens. Als wir beim Essen Scrubble spielten (wohl nicht die beste Entscheidung unter DIESEN Umständen) habe ich alle drei Mal mit Abstand gewonnen (man bedenke, dass mein Schulrussisch nur bis zur 6ten Klasse reicht, der Rest aber einen Schulabschluss hat). Die anderen drei versuchten Wörter zu schreiben, die noch nicht mal russisch klangen und keiner sonstigen Sprache zuzuordnen waren. Und als der Freund von Natasha es schaffte in einem Wort aus DREI Buchstaben VIER Fehler zu machen, entzog ich mich des Spiels um meiner Zunge, auf die ich mir ständig beissen musste, eine Pause zu gönnen.

Das Irrentheater ging aber am Abend weiter. Als wir uns gemütlich ans Feuer setzten, wurde ich von Seiten der Cousinfamilie einer ausführlichen Befragung auf dem untersten Niveau über Deutschland und das Leben in Europa ausgesetzt. Ob bei uns auf den Straßen viele Blumen wachsen würden; ob bei uns Lebensmittel vergiftet werden würden; ob man Haie esse…. Jeder Satz fing mit „Ist in Deutschland…“ an und auf jede dieser Fragen wurde von mir eine ernsthafte Antwort erwartet. Der Höhepunkt kam als Oksana fragte: „Habt ihr da überall Denkmale von Hitler stehen, so wie wir von Lenin?“ Und noch bevor ich antworten konnte sagte ihr Mann: „Bist du blöd, der ist doch noch gar nicht tot! Warum sollten die dann Denkmale bauen?!“ Keinem von beiden war wohl der Faschismus ein Begriff und Hitler brachten sie erst recht nicht damit in Verbindung. Es kostete mir viel Überwindung, aber ich verzichtete auf einen Kommentar.

Als Oksana mich schließlich fragte ob es denn in Deutschland viele N*ger geben würde, zuckte ich alleine schon wegen dem Ausdruck zusammen und flüchtete vor dieser Dummheit ins Bett. Sobald wir am nächsten Morgen zum See gingen, war ich vorbereitet: Plan a)Ich hatte einen Mp3-Player dabei, um ihn mir in die Ohren zu stecken und so zu tun, als ob ich sie nicht hören würde; Plan b) Ich würde ins Wasser rennen, denn die Cousine kann nicht schwimmen; und schließlich Plan c) Ich würde mich totstellen.

Mit dieser Strategie habe ich es tatsächlich bis zum Nachmittag und bis zur Haltestelle Richtung Chelyabinsk geschafft. Dort verabschiedete ich mich HERZLICH von allen, dabei flüsterte mir meine Freundin ins Ohr, dass wir uns das nächste Mal wohl lieber alleine treffen sollten. Ich saß im Bus, hatte zwar das Gefühl als ob mein eigener IQ nach diesen Tagen geschrumpft wäre, war aber mindestens genauso erleichtert, wie einst Alice als sie aus dem schrecklichen Alptraum des Wunderlandes aufwachte und keine weißen Hasen mehr um sich rennen sah.

28.7.09 19:58
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Jenni / Website (28.7.09 20:22)
Entschuldige bitte die Unhöflichkeit, dass ich hier so vorbeischneie und lache, aber ich kann nicht anders. Dein Eintragstitel klang verlockend, aber DAS hätte ich nicht erwartet. Amüsant zu lesen, aber traurig, dass es soetwas gibt. Ich wäre garantiert ausgerastet, hätten mich solche Leute umgeben. Das ist ja schon nicht mehr ungebildet, das ist total ignorant gegenüber der Realität. Heftig.
Ich wünsche einen schönen Abend (ohne derartige Gesellschaft).
Lieben Gruß,
Jenni

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