daria-russia - @ myblog.de
10. Cultural Studies

Man könnte mir nicht vorwerfen, ich wäre ein Mensch der nichts mit dem russischen Kulturerbe anfangen könnte. Schließlich bin ich mit einem Vater als Opernsänger und Schauspieler praktisch unter dem Dach eines Theaters aufgewachsen. Meine ersten Spielzeuge waren Requisite aus „Evgenij Onegin“, meine ersten Freunde Theaterkinder. Doch es gibt etwas, weswegen ich mich tatsächlich schämen sollte: bis heute habe ich es nicht für nötig gehalten das Nationalmuseum von Chelyabinsk von Innen zu betrachten, in welchem sämtliches Kulturerbe des südlichen Urals verborgen liegt. Deswegen beschloss ich zusammen mit meiner Freundin Lena, meiner Schwester und ihren beiden Kindern an dem heutigen Tag unsere Schulden zu begleichen.

Das Museum wurde erst vor wenigen Jahren neu errichtet; früher ein altes müffiges Häuschen, heute ein großzügig grün-verglastes Gebaüde mit Türmchen, die an ein Schloss erinnern, bestehend aus sieben Stockwerken und mehreren Ausstellungen. Es steht direkt am Ufer des Flusses Mias, zu welchem ich aus Nationalstolz nichts weiter sagen werde, außer dass man dort wahrscheinlich wie einst Bart Simpson dreiäugige Fische finden würde.

Zu fünft gingen wir also hinein, kauften uns Tickets für die drei größten Ausstellungen im Wert von insgesamt 6 Euro. Meine Aufmerksamkeit erweckte vor allem die Preisliste, denn ein Ausstellungsticket für einen Erwachsenen kostet 130 Rubel, für einen Erwachsenen mit nicht-russischer Nationalität kostet es aber gleich 300. Weil man davon ausgeht, dass jede andere Nation mehr Geld als Russland hat? Weil man glaubt, dass man die russische Kultur als Nicht-Russe gar nicht erst bewundern sollte? Oder weil man denkt, dass wenn jemand schon von weitem hierher angereist ist, dann einfach jeden Preis bezahlen würde? Ohne mich mit der Rezeptionsfrau darüber weiterzustreiten, traten wir in die erste Ausstellung ein.

Russisches Holzhandwerk, Stickereien aus dem 17. Jahrhundert, kleinste feine Figuren aus Edelmetallen, lebensecht nachgebaute Tierwelten des Urals und verschiedenster Schmuck aus Edelsteinen, wofür die Gegend auch am meisten bekannt ist – alles schön und gut, aber eben auch nicht mehr. Vielleicht hätte es mir bei weitem mehr Spaß gemacht, wenn nicht die Aufsichtsfrauen wären. Diese 90-Jahre-alten Omas lauerten an jeder Ecke des Museums, um an jeder kleinsten Bewegung der Besucher zu meckern.

Schon am Eingang bekamen wir direkt eine Einweisung aus der Reihe „Wie benehme ich mich in einem Museum“, man darf nichts anfassen, man soll nichts essen oder trinken, man soll nicht rennen…. Alles Dinge, die für einen halbwegs kultivierten Menschen selbstverständlich sind. Und als wir uns über eines der Exponate unterhielten, rannte eine der Omas hin und fauchte uns an, man solle in einem Museum nicht reden. Und zwar GAR nicht. Als dann mein 5-jähriger Neffe zwei Schritte in Richtung Fenster ging, joggte schon das nächste Fossil zu uns und unterrrichtete meine Schwester darüber, dass in einem Museum Kinder bei ihren Eltern bleiben müssten.

Der Höhepunkt war, als ich – halb am verhungern – Lena nach einem Kaugummi fragte und mir diesen gerade in den Mund schob, sprintete die nächste zahnlose Granny, mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen, zu mir und bestand darauf, dass man in einem Museum kein Kaugummi kauen dürfe. Hä? Darf ich denn auch nicht atmen, weil ich sonst etwas umpusten würde, oder vielleicht auch nicht mit den Wimpern zucken, da der dabei enstehende Wind etwas umwerfen könne? Ich glaube nicht, dass mein Kaugummi dem 2-Meter-hohen, 100-Kilo-schweren Bergkristall etwas anhaben hätte können.

Unglaublich, aber wahr: nach drei Stunden, fünf Stockwerken und zehn Superhero-Aufsichtsomas schafften wir es das Museum ohne ein lebenslanges Hausverbot zu verlassen. Und so wie es sein sollte, habe ich nach diesem kulturellen Aufenthalt tatsächlich folgende zwei Sachen gelernt: Erstens, in einem russischen Museum sollte man sämtliche menschliche Bedürfnisse vor der Tür stehen lassen. Zweitens, lebenlanges Vodkatrinken konserviert die Organe, so dass mit dem Alter russische Senioren zu Wachhund-Grannys mit übernatürlichen Sinnen mutieren.
29.7.09 18:51
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen
Gratis bloggen bei
myblog.de


Gästebuch

Startseite

Kontakt