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11. Ice Age

Einem echten Uralmenschen kann es nie kalt genug sein. Die kühlen Außentemperaturen, das eiskalte Wasser, die winterlich-frischen Gewässer… Auch wenn meine Vorstellung von Sommer eine andere ist, reichte mir das alles noch nicht für einen richtigen, authentischen Russland-Besuch aus. Deswegen begab ich mich gestern in die Dezemberkälte einer Eishalle zum Schlittschuhfahren.

Und nicht irgendeiner Eishalle, sondern „Molnia“, eine Eisarena, die zu den fünf größten Russlands zählt und in welcher schon zahlreiche nationale und internationale Meisterschaften ausgetragen wurden.

Doch jeder Mensch, den ich mich zu begleiten fragte, schaute mich an als ob ich BSE hätte und lehnte mit weit aufgerissenen Augen auf. „Warum will ich mir die Kälte noch zusätzlich zu DIESEM Sommer antun?“, wurde ich bestaunt. Ich wollte es aber nun mal, also musste mal wieder mein Vater einspringen.

Mit Jeans, Pullover und Schal ausgestattet, zogen wir uns die Schlittschuhe drüber und traten mit einem Haufen anderer Menschen in die Arena ein. Es war riesengroß, so groß, dass man jemanden am anderen Eisflächeende nicht mehr erkennen konnte. In der Mitte war ein abgegerenzter Eishockeyplatz, Übungsflächen und eine kleine Bar mit Bänken. Doch das erste was mir auffiel war die Kälte…. ich wusste ja dass es kalt sein würde, aber es war SO kalt, dass ich meinen Atem sehen konnte und dass ich mit meinem poppligen Pullover absolut underdressed war.

Es würde beim Fahren schon besser werden, überzeugte ich mich selbst und schwang mich elegant und graziös aufs Eis… So sollte es zumindest in meiner Vorstellung aussehen. In der Tat sah es aber eher nach einem Nielpferd auf Schlittschuhen aus, das sich nach den ersten Metern an einen vorüberfahrenden Kerl vergreifen musste, um sich nicht auf den A*sch zu setzten.

Währenddessen gleitete mein 60-jähiriger Vater sanft und leicht wie eine Feder über die Eisfläche an mir vorbei, drehte sich auf einem Fuß und blieb nach einem kurzen Luftsprung in einer anmutigen Position stehen. Ich hatte ganz vergessen, dass er viele Jahre in einer Eislaufmanschaft trainierte und sogar bei den Regionalmeisterschaften angetreten ist. Und als ich da so rumkrach, fiel mir auch auf, dass ich in diesem Stadion offensichtlich die Einzige war, die kein Rückwertsfahren, kein Drehen oder keine doppelte Schraube beherrschte. Um mich herum düsten die Menschen wie echte Eiskunstlauf-Profis herum, sie sprangen, sie drehten sich, sie machten irgendwelche Kunststücke…. Ein fünfjähriges Mädchen mit zwei Zöpfchen und laufender Nase kam an mir vorbei, guckte mich an und schüttelte lachend mit dem Kopf. Ein Tiefpunkt in meiner Eiskunstlaufkarriere.

Doch nach zwei Stunden auf dem Eis und drei Tassen heißen Tee, war ich schon ganz stolz auf mich. Mit fester, ruhiger Haltung fuhr ich durch die Gegend und tat so, als ob ich das schon ganz lange machen würde. Nicht nur, dass ich ziemlich schnell war, ich habe sogar gelernt ziemlich gut rückwerts zu fahren. Und als ich das kleine freche Feuchte-Nase-Mädchen vor mir sah, konnte ich es mir nicht verkneifen hochnäsig an ihr vorbeizufahren. Glücklich über meine Erfolge und total zufrieden verließ ich die Eisarena „Molnia“.

Weniger glücklich und zufrieden wachte ich am nächsten Morgen mit einer fetten Erkältung auf. Nein, ich würde nicht zuhause bleiben und mir von meinem Vater anhören, ich hätte mich wärmer anziehen müssen. Deswegen kroch ich aus dem Bett, machte mein zugeschwollenes Gesicht wieder menschenähnlich und schleppte mich zur Arbeit.

Gerade an dem Tag erwartete mich nichts anderes als die Tausenden von Zahlen der Eisnchaltquoten, was eigentlich heute Irinas Arbeit wäre, welche aber irgendwie noch nicht da war, sagte Elena. Ich setzte mich also vor die ganzen Tabellen: die blauen Zahlen vermischten sich mit den roten, und die Spalten mit den Zeilen und schon bald meinte ich Tetris vor mir zu sehen. Die Tasse Kaffe brachte keine Erleichterung.

Und drei Stunden später war es tatsächlich soweit, Irina schneite gutgelaunt ins Büro, machte sich erstmal was zu trinken, plauderte mit einer Kollegin, ging an ihr Handy, um mit ihrem Freund zu telefonieren und als sie dann fertig war, beschloss sie mit den anderen mittagessen zu gehen. Dass Elena gerade nicht da war um sich dazu zu äußern, trieb mich umso mehr zur Weißglut. Mir fehlte derzeit aber die Kraft, um etwas zu erwidern oder um mich mit ihr zu streiten. Ich saß weiter an meinen Zahlen und bereute nicht die Tatsache, dass ich in der Eishalle war, sondern dass ich die Schlitschuhe nicht mitgenommen habe, um sie Irina beim Verlassen des Gebäudes, aus dem Fenster auf den Kopf zu werfen.

3.8.09 05:37
 


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