daria-russia - @ myblog.de
12. Tage des Donners

Bisher lernte ich eins über das Uralwetter -  es ist ein launisches Arschloch. Es meint es wäre was ganz Besonderes, denn warum sollte es so langweilig wie das deutsche Wetter sein und mal über mehrere Tage gleich bleiben, oder sich im Verlauf der Woche langsam ändern. Nein, stattdessen ist es lieber ganz eingebildet und ändert seine Meinung zehn Mal im Verlauf eines einzigen Tages. So geht man an einem eiskalten Morgen mit warmer Jacke aus dem Haus, kommt Mittags aus dem Office in eine brühende Hitze und kann sich bis auf die Unterhose ausziehen, um sich am Abend in die wasserdichtensten Klamotten der Welt einzuwickeln, weil man von Orkanböen und Sturmflutregen weggeweht wird.

Dank meiner Erfahrungen der letzten fünf Wochen, packe ich mir nun jeden Morgen eine Vier-Jahreszeiten-Tasche mit Pullover, Regenschirm, und kurze Hose. Doch heute beging ich einen fatalen Fehler: ich vergas eines der Dinge – mein Regenschirm. Morgens vermisste ich ihn auch überhaupt nicht und selbst als ich nach der Arbeit das Gebäude verließ, lächelte mir die warme Sonne ins Gesicht  und ich beschloss mich auf Mitbringsel-Jagt zu machen. Ich bummelte mich also durch die Fußgängerzone durch, kaufte gut gelaunt unnützes Zeug und als ich am Ende der Straße ankam, entschied ich mich an diesem schönen Tag mich auf den Bazar zu wagen. Dieser ist mit seinen kleinen aufeinander gestapelten Zelten, engen Durchgängen, rumlaufenden Diebes-Kindern und Verkäufern sämtlicher Nationalitäten – von Chinesen bis Jugoslawen – nichts für zimperliche Touris. Um den großen Bazarplatz zu erreichen musste ich nur noch 500 Meter über die Mias-Brücke laufen (wieder Nationalstolz, also wieder kein Kommentar).

Doch ich bin mir sicher, das Uralwetter lauerte hinter der Ecke und kicherte bösartig über meine Naivität, denn sobald ich auf die Brücke trat, sprang es aus seinem Versteck und richtete das fieseste, schrecklichste Unwetter auf mich. Innerhalb von wenigen Sekunden wurde es stockdunkel, es donnerte so laut, dass die Menschen sich vor Schreck zu Boden bückten. Und als es losregnete, stand ich mitten auf der Brücke ohne jegliche Versteckmöglichkeit und ohne Regenschirm.

In all den Wochen ist bisher dank des Wetters noch nie ein Tag so gelaufen wie er geplant war: wenn wir morgens bei Sonnenschein zum See fuhren, fing es an zu regnen; wenn wir in die Stadt zum Einkaufen gingen, kam ein Sturm auf und wehte alles und jeden von den Straßen; wenn wir ein Wochenende auf dem Land planten, wehte der Wind den Hauptstromast des Örtchens um. Und heute reichte es mir eindeutig. Heute würde ich mich dieser Frechheit wiedersetzten, beschloss ich.

Ich lief also unverändert weiter bis zum Markt. Nass bis auf die Unterwäsche, tropfend und triefend trat ich entschlossen in das Zelt ein. Unter ungläubigen Blicken holte ich ein Tempo-Taschentuch aus meiner Tasche und tupfte absolut gleichgültig und unberührt mir das Wasser vom Gesicht, warf die tropfenden Haarstränen aus dem Gesicht und lief zielstrebig, eine Wasserspur hinterlassend, durch den Markt.

Mein Ziel war es hier ein Geschenk für einen gewissen Menschen zu suchen, der es zu schätzen wissen sollte, dass ich patschnass, mich stundenlang mit einer Koreanerin um den Preis des Artikels stritt. Und entweder weil ich so gut im Handeln bin oder weil die Frau befürchtete, dass ich ihre restliche Ware zutropfen würde, lies sie schließlich nach und ich konnte zufrieden, nass und vor Kälte zitternd nach Hause fahren.

3.8.09 20:29
 


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