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13. Das Goldene Alter

In den letzten Jahren hat sich in Russland vieles verändert, scheinbar zum Besseren. Die Stadt blüht auf, es werden neue Wohngebiete errichtet, die Straßen werden Jahr für Jahr verbessert und ausgebaut, es gibt immer mehr Jobs mit denen man sich das teure Leben hier finanzieren kann. Es findet eine kontinuierliche Verwestlichung statt, die Unterhaltungsindustrie boomt, Cafes, Restaurants, Diskotheken, Kinos befinden sich an jeder Ecke der Stadt und entsprechen den höhsten Ansprüchen. Doch bei mir erzeugt das alles nur Übelkeit, wenn ich an diesen glänzenden, leuchtenden Konsumangeboten und hochklassigen Villen vorbeilaufe und davor alte Menschen sitzen sehe, die keine Möglichkeit haben in dieser neuen Welt zu überleben.

Die Rente wurde schon seit vielen Jahren nicht mehr erhöht und nicht den stetig steigenden Lebenserhaltungskosten angepasst. Vor jedem Geschäft, vor jedem McDonalds und jeder Bar stehen alte, kranke Senioren, die ihren Hut ausstrecken und betteln. Die Menschen hier laufen einfach vorbei. Viel zu viele gibt es davon, man kann ja schliesslich nicht jedem was geben.

Die Alten sind zwar nicht obdachlos, von einem ruhigen Rentendasein kann aber auch nicht die Rede sein. Kleine, schmächtige Omas fahren in ihre Schrebergärten in den Außenbezirken der Stadt in stickigen, alten, rostigen Bussen und ackern den ganzen Tag auf dem Feld, um am Ende des Tages mit vielen schweren Eimern voller Kartoffeln, Beeren und Tomaten im selben vollgestopften Bus nach Hause zu kommen. Am nächsten Tag setzen sie sich am frühen Morgen auf die Straße, um wenigstens etwas von dem geerntetem Gut für wenig Geld zu verkaufen. Die 80-jährigen sitzen den ganzen Tag da, ob brennende Sonne oder strömender Regen. Anders reicht ihnen das Bisschen Geld vom Staat nicht.

Als ich auf einem solchen „Senioren-Bazar“ bei einer kleinen, dünnen Großmutter etwas Heidelbeeren kaufen wollte, fing es im selben Moment an fürchterlich zu regnen. Die alte Frau sprang auf, so schnell sie eben konnte, um ihre Ware zu bedecken, was sie natürlich nicht schnell genug schaffte. Als ich die Folie nahm und für sie die Arbeit erledigte und auch noch zusätzlich den Pappkarton, auf dem sie saß ins Trockene rettete, schaute die Oma mich ganz lange stutzig an. Irgendwann fragte sie warum ich ihr denn geholfen habe. Sie konnte es nicht verstehen. Und ich verstand meinerseits ihre Frage nicht. Die Menschen hier achten nicht mehr auf alte Menschen, diese gehören einfach zur Umgebung, wie ein Laternenmast es auch tut.

Einige Senioren, die wohl kein Schrebergarten und keine sonstigen Verdienstmöglichkeiten haben, greifen auf alles zurück, was ihr Überleben auch nur ein wenig sichern kann. So schnürt es mir jedes Mal die Kehle durch, wenn ich an dem alten Mann in meiner Straße vorbeigehe. Jeden Tag stellt er sich hin mit einer Körperwaage und einem Schild „Ein Mal Wiegen = 3 Rubel“. Während ich meine Tränen, die unweigerlich kommen, runterschlucke, drücke ich ihm jedes Mal zehn Rubel in die Hand (natürlich ohne mich zu wiegen). Seine Hand ist immer zittrig, sein Gesicht ganz grau und mager; und das Lächeln, mit welchem er sich bei mir bedankt, fast zahnlos, aber immer herzlich.

Die mittellosen Rentner kennen hier keine Sozialhilfe oder Suppenküche und erst recht keinen menschlichen Mitleid. Als ich auf dem Heimweg in einem McDonalds mir zum Aufwärmen einen Kaffee kaufte, bemerkte ich ein Murmeln aus einer Ecke des Restaurants. Sobald ich näher trat und sah, woher es kam, blieb mir der Atem weg: es war eine alte Frau, die in den abgestellten Tabletts nach Essensresten rumwühlte. Ihre Kleider hielten kaum auf ihrem abgemagerten Körper, sie schaute jedes BigMac-Päckchen durch und murmelte verärgert jedesmal wenn sie nichts fand. Ich drehte mich um, ging zur Kasse und kaufte zwei Hamburger, die ich zusammen mit meinem sämtlichen Kleingeld auf den Tisch vor die Oma legte. Die alte Frau hob ihr Gesicht, schaute mich an und brach plötzlich in Tränen aus. Und während sie sich bei mir bedankte, ging ich so schnell ich nur konnte wieder raus, um selbst nicht loszuweinen.

Wenn ich jetzt an die deutschen Senioren denke, die sich ständig über das Wetter und die Jugend beschweren, und deren größtes Problem es ist, genug Kuchen und Sekt bei der nächsten Kaffeefahrt abzukriegen…
5.8.09 19:54
 


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